Nino Strohecker - Victims

Film Music

2008, Mar

Nino Strohecker "Victims"

Director / Artist: Nino Strohecker
Vocals: Dietmar Bruckmayr
Music: Wolfgang Dorninger
Production: Designstudio S.

Premiere: 12.3.2008 Moviemento, Linz
Many screenings on international film festivals, some prices and mentionings.

English text on Behance

VICTIMS

Mit geschlossenen Augen zu gehorchen ist der Anfang der Panik. Maurice Merleau-Ponty

Der Hintergrund:

Nachdem Adolf Hitler "die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich" ausgestellt hatte, ließ er am 12. März 1938 Soldaten der Wehrmacht und Polizisten, insgesamt rund 65.000 Mann mit teils schwerer Bewaffnung, in Österreich einmarschieren. Sie wurden von der anwesenden Bevölkerung vielfach mit Jubel empfangen. Der Ausgangspunkt des Projekts Victims ist ein sehr seltener 16 mm schwarzweiß Stummfilm aus dem Jahre 1938, aufgenommen von einer Privatperson. 70 Jahre danach wird das stark persönliche Material von drei Künstlern in ein neues Licht gesetzt. Das Originalmaterial gewährt kurze Einblicke in das Leben des/der Österreicher/in in einer Zeit, die geprägt war durch eine lang anhaltende wirtschaftliche Depression, dem Aufschwung und dem Einmarsch der Nationalsozialisten und somit in weiterer Folge dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Nach kurzer Zeit sticht eine wichtige Tatsache dem Betrachter ins Auge: Beinahe alle Menschen lächeln. Sie sind glücklich. Sie sind stolz, ein Teil des Dritten Reiches zu sein. Diese Bilder lassen starke Zweifel an der Opferrolle aufkommen, welche Österreich sich in diesem Kontext oftmals zuspricht. Aber wann ist man ein Opfer? Ist man Opfer, wenn man blind einer Propaganda folgt? Oder ist man dann nicht bereits Täter? Ist man erst dann ein Opfer wenn man gegen seinen Willen zu etwas gezwungen wird und nicht den Mut aufbringt sich in jeglicher Form zu Wehr zu setzen? Sind wir nicht, heute mehr denn je, ein ständiges Opfer von medial aufbereiteter Propaganda (siehe Krieg in Irak; Krieg gegen Terror; Israel - Palestina Konflikt; etc.)? Ist man Täter wenn man sein Leben für sich lebt, gleichgültig eingestellt gegenüber den Ereignissen in der Welt? Teile der Geschichte wiederholen sich immer wieder, der Mensch scheint jedoch außer Stande zu sein, aus der Geschichte vergangener Generationen zu lernen, trotz des wesentlichen Vorteiles, die Ereignisse mit dem Wissen der Vergangenheit betrachten zu können. Eine Einnahme der Rolle des Opfers behindert eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit oder eher noch macht selbige überhaupt nicht erst möglich. Betrachtet man diese kurzen, fragmentarischen, privat gedrehten Sequenzen, wird die Geschichte von Menschen in 1938 erzählt. Sie heiraten, arbeiten, trinken Kaffee, sind Teil einer jubelnden Menschenmenge beim Einmarsch der Nationalsozialisten in Wien und sie wirken stolz. Der Film zeigt viel mehr "privates" als "öffentliches" Material. Man ist mitten im Privatleben der victims. Man sieht Menschen und Natur in Idylle und weiß um die Veränderung die bereits im Gange ist. Die Kürze der aufgenommenen Sequenzen kann dadurch erklärt werden, dass Film ein teures Medium damals war, sowie es heute noch immer ist. Die victims und generell die NS Thematik an sich ist keine Neue. Hierzu wurde schon viel gesagt. Jede Person bringt selber tausende Bilder aus der Schule, aus dem Fernsehen, von Ausstellungen, Erzählungen, Performances, etc. mit. Der Film schenkt den Betrachtern 20 Minuten des Einlassens auf die Bilder die da sind und auch auf die im eigenen Kopf. Die Art der künstlerischen Umsetzung mit der Entfremdung und Wiederholung des Materials und der Komposition mit einer zerdehnten, rhythmisch versetzten, inhaltlich losgelösten, nonverbalen Stimme Bruckmayrs schafft für die Betrachter einen Raum für einen inneren Dialog.

Die künstlerische Umsetzung:

Experimentalfilm von Mag.Art Nino Strohecker Entfremdung, Wiederholung Das sehr alte und extrem seltene, analoge 16 mm Found-Footage Material aus dem Jahre 1938 wurde in seine Einzelbilder zerlegt und in digitalisierter Form anhand neuer Technik wieder zusammengesetzt, um eine eigene visuelle, dem Thema vorteilhafte, Kommunikation zu etablieren. Anhand eines simplen Photoscanners wurde der Film daher Bild für Bild gescannt, um das Originalmaterial nicht zu beschädigen, und um so eine bewusst herbeigeführte Entfremdung des Originals zu erzeugen. Die so digitalisierten Einzelbilder werden mit einer Bildrate von 12 Bilder (Frames) pro Sekunde, anstatt den üblichen 24 - 30 fps wieder zusammengesetzt, um das Gefühl von historischem Film beizubehalten. Das Originalmaterial setzt sich aus ca. 9.100 Einzelbildern zusammen. Um der Komplexität des Themas gerecht werden zu können, wurden einzelne Filmsequenzen hervorgehoben, indem sie erneut gescannt wurden. Um eine Gesamtlänge von 23 Minuten zu erreichen beträgt die endgültige Anzahl eingescannte Einzelbilder 16.000 Stück.

Musik von Dietmar Bruckmayr (Stimme) und Wolfgang Dorninger (Musik):

Verfremdung, Rhythmus und Idylle Die Stimme von Didi Bruckmayr wird zur zerdehnten, rhythmisch versetzten, inhaltlich losgelösten, nonverbalen Stimme, die Raum für einen inneren Dialog schafft um näher an den Inhalt des Films zu rücken. Ziel der Vertonung ist es nicht eine "System"stimme zu strapazieren, sondern die Stimme des Einzelnen zu hören: Die anonyme, verstellte Stimme des Denunzianten, die Stimme der Mitläufer, die Stimme derer die euphorisch ihre Stimme verschenkten, die verstummende Stimme der Verfolgten, die geheime Stimme des Widerstands oder die verwurzelte Stimme, die in der Heimat fremd wurde. In den Teilen mit den Natur- und Landschaftsaufnahmen dominieren zeitgemäße, in sich brechende, treibende Modulations-Rhythmen das Klangbild. Kinder und Idylle: Hoffnungsfrohe Musik-Cluster, die unregelmäßig von klanglichen Störungen durchbrochen, vom Aufgehen des Individuums im Volkskörper künden. Rhythmus und Natur beschreiben in diesen Szenen detailliert. Zyklen, Abläufe und Muster, während am Ende des Films der Rhythmus immer stärker zerfällt, in sich granuliert und eine schwerfällige, kaum zu stoppende, amorphe Masse wird, die dahinrollt.

Awarded & Nominated:

Best International Directorial Debut of a Short Film New York International Independent, Film & Video Festival, USA 2009, Best International Avant-Garde Short NYIIFVF Los Angeles, USA 2009, Award of Merit The Indie Fest, USA 2008, Honorable Mention Award New Jersey International Film Festival, USA 2008, Honorable Mention Award The Accolade Competition, USA 2008, 2nd place ReelHeART International Film Festival, Canada 2009, Nominated International Film Festival of South Africa 2008, Nominated International Film Festival of England 2008, 6th place Twin Rivers Media Festival, USA 2008

Official selected:

Athens Film Festival 2009, UAMO Festival 2009, Oxford Film Festival 2009, Festival de Cine de Barcelona 2008, Zero Film Festival 2008, Bolzano Short Film Festival 2008, Gold Lion Film Festival 2008, The Other Venice Film Festival 2008, Strasbourg International Film Festival 2008, Rome International Film Festival 2008, Rhode Island International Film Festival 2008, Budapest Short Film Festival 2008

Fotos, Text und Information: Stroecker, Dorninger

For more information:

Victims at Behance (english text)